Teufels-Austreibungen alltäglich
Siegener Zeitung, Ausgabe Kreis Olpe, 03.11.2009
OLPE - Journalist referierte über den Exorzismus /
Erzbistum Paderborn genehmigte drei Fälle
Ein brisantes Thema stand jetzt auf dem Programm der Katholischen Bildungsstätte.
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Textversion (Rechte: Siegener Zeitung)
mari ▪ „Exorzismus ist kein Phänomen des Mittelalters. Teufels- und Geisteraustreibungen kommen häufiger vor, als die meisten Menschen annehmen oder anzunehmen bereit sind. Fast jeden Tag finden in Deutschland solche Rituale statt. Innerhalb der Katholischen Kirche, in Freikirchen, anderen Religionen, Sekten und der Esoterikszene.“ Marcus Wegner weiß, wovon er- spricht. Er hat zwei Jahre lang im gesamten Bundesgebiet zu diesem Thema recherchiert und seine erschreckenden Ergebnisse in einem Buch zusammengetragen. Der Titel des auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellten Werkes lautet „Exorzismus Heute - der Teufel spricht Deutsch“.
Am Freitag referierte der in Olpe aufgewachsene und in Freudenberg lebende Journalist auf Einladung der Katholischen Bildungsstätte Olpe (KBS) zu diesem brisanten Thema. Mehr als 40 Interessenten, darunter einige Geistliche, hörten dabei auch Erstaunliches aus ihrem Umfeld: In Altenkleusheim sollen vor vielen Jahren hunderte von Teufelsaustreibungen betrieben worden sein. Aber auch gegenwärtig gebe es im Kreis Olpe und im benachbarten Kreis Siegen Wittgenstein Extremfälle. Wegner berichtete von einer freikirchlichen Gemeinde in der Nähe von Siegen. Dort hätten der Pastor und Mitglieder kleinen Kindern den von ihnen selbst diagnostizierten Teufel ausgetrieben, was zu schweren gesundheitlichen Folgen für die Kinder geführt habe. Ein dreijähriger Junge sei diesem schlimmen Ritual ausgesetzt worden, nur weil er genascht hatte.
Der Autor führte in der KBS sensibel ausgewählte Filmausschnitte und Original-Töne von Teufelsaustreibungen vor. Es waren dennoch Szenen mit Horrorfilmcharakter. Beim Ritual verfielen die „Besessenen“ in eine körperliche Starre, ihre Gesichtszüge veränderten sich in erschreckender Weise und sie wehrten sich mit verzerrten Stimmen gegen die Gebete. Ebenso lieferte Wegner Aussagen von Priestern, Exorzisten und .Besessenen. Bei seinen Recherchen ist es dem Autor gelungen, eine Kopie einer Teufelsaustreibung zu erhalten, die an Anneliese Michel vorgenommen wurde. Ihre Geschichte mit Todesfolge im Jahr 1976 - sie wog nur noch 31 Kilo - erregte großes Aufsehen, weil zwei katholische Priester an ihr den so genannten „Großen Exorzismus“ vollzogen. Die Studentin aus Klingenberg musste sich 67 Austreibungen unterwerfen. Ihr Tod wurde seinerzeit als Sühnetod angesehen. Seitdem gibt es seitens der Katholischen Kirche in Deutschland offiziell keine Exorzismen mehr.
Vor einigen Jahren wurde Marcus Wegner eines Besseren belehrt. Eine Frau erzählte ihm, dass ihr in einem Fachwerkhaus im Raum Lennestadt schon mehrfach der Teufel ausgetrieben worden sei. Sie nannte ihm Priester und Exorzisten. Er ging der Sache nach und fand Bestätigung. Das machte ihn neugierig auf die Situation in Deutschland. Die ist nach seinen Nachforschungen im 21. Jahrhundert genauso unheimlich wie im Mittelalter. Es werde fast täglich exorziert. Nur dass heute alles eher im Geheimen stattfinde. 22 Bistümer aus dem Bundesgebiet erklärten auf seine Umfrage, dass es innerhalb ihrer Gebiete keinen Exorzismus gebe. Nur das Erzbistum Paderborn habe eingeräumt, in den vergangenen neun Jahren drei Austreibungen genehmigt zu haben.
Dass das Thema „Exorzismus“ nach dem Tod von Anneliese Michels von der Kirche mit Zurückhaltung behandelt worden sei, bestätigte Dechant Friedhelm Rüsche im Gespräch mit der SZ. Er könne jedoch nicht ausschließen, dass Exorzismus betrieben werde, auch in heimischen Gefilden.
Inzwischen ist das Thema jedoch wieder mehr in den Blickpunk gerückt. So hat der Vatikan im Jahr 1999 neue Richtlinien dahingehend erwirkt, die Teufelsaustreibung in geordnete Bahnen zu lenken und Erkenntnisse aus Medizin und Psychologie stärker zu berücksichtigen. Am 5. März genehmigte er die deutsche Übersetzung. Jeder Exorzismus muss danach vom zuständigen Bischof genehmigt und von einem geeigneten Priester - der Vatikan führt dieserhalb Schulungen durch - vorgenommen werden. Der Exorzist soll sich im Zweifel mit Ärzten und Psychologen beraten. Im Vordergrund steht der Heilungsdienst.
Friedhelm Rüsche ist seit 14 Jahren Pfarrer in Olpe. Wie er sagt, weiß er nichts von solchen Ritualen in der Region und musste sich bislang noch keiner Bitte auf Austreibung stellen. Im gegebenen Fall würde er den Bittsteller jedoch an die Diözese verweisen, wo es entsprechende Experten gebe. Er selbst würde sich ohne Kompetenz in der besagten Sache nicht in dieses Fahrwasser begeben.
Hunderte von Austreibungen vollzogen
Dass in Altenkleusheim in früheren Jahren hunderte von Exorzismus-Ritualen betrieben wurden, können Karl Kleine, Ortsvorsteher von Altenkleusheim, und seine Frau Edeltrud aufgrund von Niederschriften und Erzählungen bestätigen: „Ja, es gab hier früher viele Austreibungen.“ Allerdings seien diese nicht in drastischer Form vollzogen worden.
Von 1910 bis 1927 war Theodor Göbels Vikar in Altenkleusheim. Er war magenkrank, fand in Lourdes Hilfe und ließ als Dank in Altenkleusheim die Lourdes-Grotte bauen, die heute noch Ziel zahlreicher Pilger ist. Vikar Göbels galt als Heiler. „Es gab viele Menschen aus Deutschland, Belgien und Holland, die Vikar Göbels besuchten, damit er sie von ihrer Krankheit und Not befreit Es kamen ganze Busse und Vikar Göbels hat viele Heilungen vorgenommen“, weiß Karl Kleine. Edeltrud Kleine hat von ihrer Mutter erfahren: „Er hat die Betroffenen so lange mit dem Kreuzzeichen und Weihwasser gesegnet, bis sie ganz ruhig wurden.“ Viele Menschen, denen Göbels geholfen habe, hätten sich nach seinem Tod für seine Seligsprechung ausgesprochen. Es wurden Berichte gesammelt und in einem Heft mit dem Titel „Ein Segenspriester des 20. Jahrhunderts“ zusammengetragen. Daraus liest Karl Kleine vor. „Eine Mutter kam im Jahr 1923 mit ihren Kindern von Elberfeld nach Altenkleusheim. Eines der Kinder, ein achtjähriges Mädchen, sollte besessen sein. Vikar Göbels gab dem Mädchen Kaffee mit Weihwasser zu trinken. Es warf die Tasse an die Wand. Danach versuchte er es ohne Weihwasser und das Mädchen trank den Kaffee gierig. Er hat immer wieder gebetet, und das besessene Kind gesegnet und das Mädchen ging geheilt nach Hause.“ mari





























